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Texte von Björn Ziegert

in memoriam

Die anderen sind schon gegangen und warten unten auf mich. Ich sitze an seinem Bett.
Vor mir mein Vater, mit einer Frische im Gesicht wie vor dreißig Jahren, die rechte Hand unter das Gesicht geschoben, friedlich, als würde er schlafen. Immer noch ein Brustkorb wie ein Schrank, und diese schweren Arme von den Semesterferien unter Tage. Und die Haut ganz glatt und ganz vertraut, noch warm, obwohl er jetzt tot ist.
Ich schaue ihn an, während meine Hand auf seiner liegt. Sehe vor mir all diese Bilder, den ganzen Reichtum, der in diesem Leben steckt.  
Was für eine Verschwendung, daß so ein Körper aufhört zu leben.
Und wie schwer es ist, ihn hier zurückzulassen.
Also warte ich noch eine Weile, bleibe einfach sitzen und schaue ihn an. Bis ich dann aufstehen und gehen – und mich im Türrahmen umdrehen werdeAber noch ist Zeit.


In Erinnerung an Helmut Ziegert, Archäologe.
In der Nacht zum Ostersonntag starb mein Vater. Im Beisein von seiner Frau, von uns drei Kindern und seinem Schwiegersohn. Er war zufrieden mit seinem Leben, geistig klar, mutig und ruhig, und starb so, wie man es einem geliebten Menschen wünscht. Er lässt alle grüßen.

Martin Walser, Motivprojekt

In den letzten Wochen haben wir einige Zuschriften erhalten, die sich sowohl auf Walser, als auch auf den Briefwechsel beziehen. Da wir mit dem Walser-Projekt eine Art von Motivforschung betreiben wollen, die eine psychische longue durée im Blick hat, und uns eine Pro-Contra-Walser-Debatte nicht interessiert, veröffentlichen wir die restlichen Briefe hier im Blog, wobei wir die abgestellte Kommentarfunktion zu entschuldigen bitten (Der Titel der Kategorie lautet ‚Walser-Projekt‘. Es sei hier vermerkt, daß alle Rechte Walsers aus der Bielefelder Zeit unberührt bleiben, und wir bitten Herrn Walser erneut, von einem diesbezüglichen Briefwechsel abzusehen).
Für heute reichen wir eine kurze Replik auf Sitkas Kommentar zu dem Brief II/1982 nach.

II/1982,4: Sie scheinen aus dem Auge zu verlieren, daß es im Herbst 1981 schon eine Lesung in Dulsberg gegeben hat, und die „vermeintliche Euphrodisiaktose“ keineswegs meine übliche Schublade für Walser ist. Während ich die 82er Lesung nur aus den Briefen kenne, habe ich inzwischen mit vier Menschen gesprochen, die persönlich im Oktober 81 in Dulsberg waren. Jeder einzelne berichtet von Walsers zentralem „Ich fü – ühle!“, und daß auch das wiederholte „Ja, sogar!“ den Vortrag prägte. So gibt es – anders als bei der 82er Lesung – sehr wohl eine fortgeführte Linie in der Form und im Inhalt. Was nun das Motiv des Geheimrats betrifft, sehe ich nicht, warum ein veränderter Textkörper eine zuvor getroffene Aussage ‚ungeschehen‘ machen sollte. Im Herbst 81 lautete der Absatz noch: „Als ich für die Ermattung, die mich ergriffen hatte, belgische Hornspäne aß, da sah ich mich, ja, ich erträumte mich als Geheimrat. So wie er es war. Und wer wollte es mir nun verwehren, wenn ich, so wie er, die Zunge durch meinen Gießkannenmund nach außen schieben, und ausgesucht Junges, und schließlich die ganze Welt belecken würde.“

Nach der Zahnklammer

Norden im August 2012

Sehr geehrtes Team der kieferorthopädischen Praxis  **,
gerade verbringe ich ein paar Urlaubstage im Norden und lerne das Leben ohne die feste Klammer kennen. Sie haben gute Arbeit gemacht, und die Zeit bei Ihnen war erstaunlich angenehm. Ich möchte kurz Dank sagen, die beigelegte Nascherei versteht sich als solcher.
Bitte vermuten Sie nicht, daß ich Hintergedanken hätte, daß etwas anderes als Achtung mich an diese Kleinigkeit hat denken lassen. Keineswegs lag mir eine Revanche im Sinn, und es ist nicht wahr, daß ich über Monate schon den Plan fasste, mit der Zusendung von sechs Pfund zuckerbestreutem Zuckerschaum den Gebissen der Folterknechte einen Hieb zu versetzen, der eine der Tränen trocknen mag, die auf den Gesichtern der armen geschundenen Kinder ihre Spur zieht, während Sie darüber gebeugt die jungen Knochen biegen und quetschen und quälen und weiter quälen und kein Ende finden bis die Seele gebrochen, und nur noch Schmerz aus den erloschenen Augen scheint.
Ich selbst habe keine Tränen mehr. Zu oft sah ich Mütter ohne Mitleid, die ihre Brut über die Schwelle stoßen, verführt von verdorbenen Versprechungen, oder gar selbst diesem harten Gotte verfallen, der nur Stahl duldet, wo vorher ein Lächeln war. Ich habe das Grauen in den Gesichtern der Wartenden gesehen, wenn aus den Turmzimmern einer derer herunterstieg, dessen Schreie uns zuvor durch Mark und Bein gingen. Ein Mensch wohl noch, aber nun grausam zugerichtet, den Mund voller Draht, die Haut blass, die Schritte unsicherals sei er einer der Geblendeten im alten Byzanz, die sich bettelnd durch die Gassen und Bazare tasteten und all die Farben nicht mehr sehen konntenseit das glühende Eisen alles um sie herum in Dunkelheit tauchte.
Heute ist das Eisen kalt geworden, es hat sich verwandelt in einen bösartigen dünnen Draht. Doch es ist noch immer der gleiche Geist. Es ist der Abgrund, in dem das Dunkle wohnt.
Wir wissen aus lang vergangenen Zeiten, daß alles dem Wandel unterliegt. Auch die größte Finsternis wird nicht bis an das Ende der Tage dauern. Und ich sage Ihnen, daß dereinst einer kommen wird, der als Zeichen das Mal des geborstenen Drahtes tragen wird, und Er wird sich erheben von der Marterbank, und Er wird sich den Stahl aus dem Mund reißen, und die Faust, die den geborstenen Draht umschließt, wird Er hoch in die Luft recken, auf das all die Geknechteten seine Tat sehen, und einer nach dem anderen wird aufstehen und es Ihm nachtun, bis ein Meer von Fäusten in der Luft steht, und aus tausend Kehlen nur ein Ruf  –  „Freiheit!“

O. Ekdahl
(nach Diktat verreist)

ES

Schwestern,
seid gewarnt! Unser alter Widersacher – DAS BILLIGE – hat mir aufgelauert und ist in Gestalt von billigen Pralinen in mich eingedrungen. Durchsucht alle Vorräte! Achtet auf die geschmacklose Verpackung! Sechs Stunden Kopfschmerzkreuzigung und schweres Brechen hat ES mir beigebracht. Am Karfreitag! Es ist DAS BILLIGE in seiner bösartigsten Form. Und Ihr wisst um unsere alte Schwäche, um die alte Anfälligkeit, um unser Familienerbe. Eine Flanke, die wir nicht zu schützen wissen, ein Siegfriedblatt an unserem bloßen – wenn auch wohlgeformten – Rücken.
Achtet auf Euch!
O.

JVA Preungesheim

„Zur U-Bahn sind es zehn Minuten. Hier runter und dann den schmalen Gang am Gefängnis längs. Da ist links Stacheldraht und rechts eine Mauer. Finden Sie schon, der ist etwa so breit der Weg.“ Und streckt die Arme leicht auseinander.
Wir gehen los mit müden Beinen. Seit dem Morgen sind wir unterwegs: Rucksack in der Früh gepackt, Thermoskanne Kaffee, Apfelkuchen, richtig viel Apfelkuchen frisch aus dem Ofen, Decke und los, Ned und seine Töle rausgeklingelt und – Sonnenschein, warm, der Himmel ganz blau und alles andere bunt vom Herbst. Nach Norden über den Main und dann rauf auf den Lohrberg, mit diesem Blick auf Frankfurt im Dunst („Ist das da drüben das Kohlekraftwerk?“). Neben uns eine Birke mit fetten ausladenden Ästen, also rauf auf den Baum, denn es ist Pippi Langstrumpftag, und über der Erde im Schneidersitz, mit dem Kaffee in der Hand, raue Borke im Rücken, und alles vollgesogen mit dem milden Herbst und dem Lächeln von der hübschen Frau von vorhin mit dem riesigen roten Schal und der Sonnenbrille.

Stunden später sind wir bis Preungesheim gekommen, es wird schon kalt und dunkelt, also schnell diesen schmalen Gang am Gefängnis finden, und ab zur Bahn. Den Stacheldraht sieht man schon von weitem. Riesige lange Spiralen. Vor dem Zaun, auf dem Zaun, übereinandergestapelt, glänzend und neu („Nato-Draht, bei jeder Bewegung schneidet der sich tiefer ins Fleisch.“). Der Gang ist wirklich schmal, keinen Meter breit, wir gehen hintereinander, der Hund am Ende, müde vom langen Tag. Alle paar Meter ein Schild: „Privatweg der Justizvollzugsanstalt!“
Hinter dem Zaun ist kein Mensch. Kameras, ein paar niedrige Werkstattgebäude, leere Asphaltfläche. Weiter hinten sind Mauern zu sehen, in verschiedener Höhe, ineinander verschachtelt. Der Weg biegt nach links, und wir laufen frontal auf das Haupttor zu. Schiebetüren aus mannsdickem Stahl in einer hohen Betonwand. Ned schätzt mindestens zwölf Meter hoch. Symmetrische Platten aus Beton. Ganz glatt. Dunkelgrau und glänzend, keine Verfärbung, alles neu.
Wir müssen rechts die Straße runter. An der Mauer entlang. Es gibt keinen Trennstreifen, keinen vorgelagerten Zaun. Wir gehen auf der Straße und eine Armlänge von uns jagen zwölf Meter Beton in den Himmel. Ich bleibe stehen, irgendetwas stimmt nicht. Der Hund schnauft. Nur sein Schnaufen ist zu hören, sonst ist es still. Kein einziges Geräusch hinter der Gefängnismauer. Kein Klappern, keine entfernte Lüftungsanlage, kein Brummen, kein Rauschen, absolut nichts. Wir warten, minutenlang auf irgendeinen Ton. Nichts.
Ned schaut mich an, ballt die Hand zur Faust und schlägt zweimal mit den Knöcheln gegen die Mauer. Das ist laut. Zweimal läuft ein dumpfes Peitschen durch den Beton. Dann wieder Stille.
Keine Antwort.

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